Leseproben    

    

Bin ich?                                                     Autor:   Hans Vanselow

Wirre Schleierwolken wälzen sich vor meinen Augen – nein, das kann nicht sein, denn sie sind doch geschlossen, meine Augen. Wie können Schleier vor meinen Augen wabern, wenn sie doch zu sind. Oder doch nicht? Angestrengt versuche ich Ordnung in meine Gedanken zu bringen.

Plötzlich drängt sich eine Frage durch mein beschäftigtes Gehirn, sie taucht auf und drängt sich dazwischen wie eine resolute Frau beim Einkauf in der Schlange vor einem Marktstand. Mein mit Schleiern bestens beschäftigter Denkapparat bekommt ohne jede Rücksicht ein weiteres Problem aufgedrückt: Es ist normalerweise keine allzu schwierige Frage aber diesmal bringt sie Unordnung in den Ablauf der Gedanken; die einfache Frage: Wo bin ich?
Warum liege ich hier und versuche krampfhaft, den Nebel in meinem Kopf zu durchdringen? Und jetzt kommt noch diese ‚wo bin ich-Frage‘ dazu.
Wieso nehme ich eigentlich an, dass ich liege? Wo bin ich – stehend, sitzend oder liegend? Vielleicht schwebe ich in einem mit seltsam waberndem Nebel gefüllten Raum?
Ich weiß nicht, was los ist mit meinen Augen. Sind sie auf oder zu? Sie zeigen mir immer das gleiche Bild, das was sie mir zeigen ändert sich nicht – oder, ändere ich nichts? Bewegen sich meine Lider überhaupt?

Meine Hände! Sie sollten mir doch mitteilen können, ob sich die Lider über den Augen, über meinen Augen bewegen. Also Arm anwinkeln und mit dem Zeigefinger vorsichtig an ein Auge tasten. Vorsichtig, es könnte ja offen sein und – nichts!
Nichts! Kein Auge! Oder – kein Finger? Hat sich mein Arm überhaupt bewegt? Habe ich überhaupt einen Arm? Existiere ich?
Wie soll ich feststellen, ob ich bin, wenn ich nicht weiß ob ich bin?! Zweifel oder Verzweiflung(?) quälen meinen Kopf. Wo liegt der Unterschied? Ich verzweifele an meinen Zweifeln.

Habe ich überhaupt noch Augen, Arme, Hände? Habe ich noch einen Körper?
Ich versuche zu denken. Aber was soll ich denken, wenn ich denke, dass ich denken sollte? Ich denke an meinen Körper. Gestern funktionierte er noch. Funktionierte er gestern noch? Gestern? Wann war gestern?
Gestern war! War bedeutet Vergangenheit.
Was bedeutet heute eigentlich gestern? Was bedeutet Vergangenheit – Gestern?
Dieses Wabern im Kopf, es macht mich verrückt. Macht mich verrückt? Bin ich es nicht längst, ohne Augen, Arme, Hände, ohne Körper, ohne – Kopf? Schwimmt mein Gehirn etwa in einer milchig grauen Brühe statt geschützt in einem, in meinem Kopf verankert zu sein?
Verrückt!? Was ist das eigentlich?
Ein Tisch, ein Tisch kann verrückt sein – verrückt worden sein, zur Seite geschoben, verrückt eben. Aber ein Gehirn, kann auch ein Gehirn verschoben sein, verrückt sein?

Denken, eigentlich will ich doch denken, mit meinen Gedanken irgendetwas fest halten, in meinem Gehirn irgendetwas festhalten, statt dessen verrücke ich Tische. Ein schwerer Tisch. Ich versuche meine Gedanken daran festzuklammern, doch sie rutschen ab, sie gleiten einfach hindurch, finden keinen Halt. Der Tisch beginnt sich aufzulösen. Ich versuchen ihn zu halten, vergeblich. Will ihn verfolgen, doch unsichtbare Gummibänder halten mich zurück, elastisch zwar aber wirksam.

Immer noch wabern diese Nebel um mich herum – oder nur um mein Gehirn?
Meine Gedanken drehen sich im Kreis, sie kreisen um mein Problem, um die einzig wichtige Frage – bin ich?

Bin ich? Welche Frage, wer sonst lässt meine Gedanken kreisen. Oder?  Die Gedanken kreisen und ich finde keinen Ausweg aus diesem Kreis.

Wirre Schleierwolken wälzen sich vor meinen Augen – da war ich doch schon mal. Der Kreis schließt sich.
Der Kreis schließt sich! Immer schneller kreisen die Gedanken um immer wieder die gleichen Fragen:
Sehe ich? – wer bin ich? – wo bin ich? – was bin ich? ---------- bin ich?
Sie kreisen immer wieder, immer schneller, immer rücksichtsloser, Hindernisse werden plattgewalzt.

Platt! Irgend so ein Nebengedanke schleicht sich ein. Verschwinde! Du störst meinen Kreis, verschwinde sonst macht er dich platt!
Aber er lässt sich nicht vertreiben.
Wer hat dich eigentlich platt gemacht?
Platt machen, Luft raus lassen, aus Menschen? Bin ich platt? Ohne Luft? –
platt-ge-macht?
Was soll das, worüber denkst du nach? Denkst du?
Wieso denkst du? Du bist platt – na und! Will dich irgendwer flicken und aufpumpen? Lass das, verschwinde und lass mich weiter im Kreis denken.

Wo war ich? Das ist gemein, jetzt bin ich raus, ich finde die Tür in meinen Kreis nicht mehr, warum darf ich nicht mehr in meinen Kreis?
Platt machen – in meinem Hirn dreht sich jetzt alles um dieses platt machen. Stöpsel rausziehen, Ventil aufdrehen, Loch rein stechen – platt machen.
Was passiert da, warum darf ich nicht mehr in meinen quälenden aber doch so bequemen Kreis zurück?
Eine Faust blendet sich ein. Da bist du platt. Dann Stiefel, derbe Stiefel, Neandertaler in Stiefeln mit Keule. Dann nur noch Stiefel, den Stiefel! Er reicht bis zur Wade, schwarz mit silberfarbenen Ösen. Ich sehe die Nähte, das Profil der Sohle – deutlich, wie ein Foto.
Ich könnte den Stiefel zeichnen – aber ohne Hände? Ich könnte ihn beschreiben – aber - ohne Sprache?
Jede Einzelheit, jede Schramme an diesem Stiefel könnte ich – könnte ich, wenn ich könnte.
Hat der mich platt gemacht? Die Luft aus mir raus gelassen? Mein Gehirn in dieses wabernde Becken verpflanzt?
Platt gemacht!
Ich will zurück in meinen Kreis, will lieber meinen Körper erforschen als diesen Stiefel!
Aber ich darf nicht, ich werde wieder platt gemacht, platt gemacht von diesem Neandertaler. Ich sehe die Keule, sie kommt auf mich zu – aber ich spüre sie nicht, spüre nichts. Aber hören kann ich - ein knirschendes Krachen. Ich sehe die Keule – also muss da doch noch ein Auge dabei sein, oder dabei gewesen sein? Aber jetzt? Waber, waber.

Der so bequeme Kreis bleibt mir verwehrt, aber ein neues Signal dringt in mein Gehirn ein – unaufhaltsam – Schmerz!
Wie kann etwas schmerzen was nicht ist?
Wir sollten ihn zurück holen.“
„Einverstanden, gleich morgen früh.“
Was war das? Meine ganze Kraft hatte ich auf die Augen gerichtet und jetzt liefern mir die Ohren ein erstes Signal von draußen. Zurückholen? Ich will nicht zurück!
Zurück, da sind die Neandertaler mit den hohen Stiefeln und – der Keule!
Alles in meinem Gehirn wehrt sich dagegen – „NEIN“!
„Du, der ist wach! Der hat eben ‚nein‘ gesagt, laut und deutlich nein.“
„Du spinnst, der liegt im Koma – tief und fest! ‚Nein‘ sagen kann der nicht, nicht in diesem Zustand. Lassen wir ihm noch diese Nacht Zeit, sein Körper muss sich erholen.“
Zeit, Körper? Der Nebel wird wieder dichter – waber, waber.
„Er kommt zu sich!“
„Hallo Herr Braun, Herr Braun verstehen sie mich?“
Erst kämpfe ich gegen den verdammten Nebel an und jetzt auch noch gegen diese drängende Stimme.
Ich will den Nebel festhalten, will mich in ihn einhüllen, mich unsichtbar machen. Doch gnadenlos reißen sie den Nebel aus meinem Gehirn.
Schutzlos!
Schmerzen!
Langsam erfasst es mein Gehirn, es wohnt immer noch in einem Körper und der tut saumäßig weh!

„Er ist wach!“
„Wie fühlen sie sich, Herr Braun?“
Womit soll ich antworten, ich habe doch keinen Körper.
Mein Mund weiß es besser, er sagt: „Schlecht, Schmerzen, Wo bin ich?“
War das mein Mund? Wie kommt der dazu, ohne mein Zutun zu reden?
„Sie sind im Krankenhaus. Wissen sie was ihnen passiert ist?“, nervt mich eine neue fremde Stimme.
„Neandertaler mit Keule, mit Stiefeln und Keule“, lallt mein Mund.
Meine Zunge tastet sich durch ihr angestammtes Revier: Es fühlt sich fremd an, waren da früher nicht mal Zähne?
Früher, ja früher – vor den Neandertalern!


        

Leseprobe aus Diamantengier oder Großvaters Vermächtnis von Hans Vanselow

… Am gleichen Abend noch, als Bernd alleine war, jonglierte er eine Trittleiter vor das Bücherregal. Mühsam erklomm er mit seinem lädierten Bein die Aufstiegshilfe, kramte das alte Büchlein hervor und brachte es zu den Schriftproben auf seinem Schreibtisch. Nachdem er es sich dort gemütlich gemacht hatte jedenfalls soweit es sein Gipsbein zuließ, schlug er es auf.Immerhin konnte er schon die erste Seite entziffern oder besser, er konnte sich den Text zusammenreimen:
Dieses Tagebuch enthält die Erlebnisse von Johann Friedrich Harms aus Emden/Ostfriesland, Steuermann auf der Dreimastbark ‚Juwel‘, aus den Jahren 1870 bis 1871, niedergeschrieben von Pfarrer John Smith, Seelsorger des zum Tode durch den Strang verurteilen Johann.
Das war ja schon mal starker Toback, zum Tode verurteilt! Jetzt war seine Neugier geweckt. Interessiert begann er in dem Tagebuch zu lesen:
... An mehreren Tagen wiederholt sich die Fahrt und ich bin inzwischen sicher, wodurch der Wasserstrudel an der Klippe verursacht wird. Fiberhaft suche ich nach einem Grund, um mich alleine dieser Gegend zu nähern? Kapitän Friers würde doch sofort misstrauisch werden, sobald er das Ziel meines Exkurses bemerken würde. Dann habe ich eine Idee. Ich war ein guter Schwimmer und hatte auch leidlich tauchen gelernt. Wenn ich nun vorgeben würde, mir dort einige Möweneier holen zu wollen, und die Fahrt zeitlich so einrichten würde, dass ich bei Hochwasser dort ankäme würde Friers wohl keinen Verdacht schöpfen. So war es auch. Er erklärt mich zwar für verrückt als ich ihm von meinem Möweneier-Appetit vorschwärme, hat aber nichts dagegen, dass ich mich damit versorgen würde. Nun muss ich wohl oder übel die Vögel um ein paar ihrer Eier berauben. Die Klippen waren von ihrem Unrat überzogen und bildeten eine eklig stinkende Masse. Die Biester waren alles andere als erbaut davon, dass da einer in ihren Lebensraum eindrang und so entging ich einigemal nur haarscharf ihren Schnabel-Attacken. Ich berge etwa fünfzehn Eier in meinem Boot, das ich an einem Felsen angebunden hatte. Jetzt ist es an der Zeit, den Grund des Wasserwirbels näher zu untersuchen. Gut, dass gleichzeitig mein Anzug von dem stinkenden Guano befreit wird. sonst wäre ich wohl in nächster Zeit auf dem Schiff sehr einsam gewesen. Vorsichtig tastet ich mich unter Wasser an den Felsen heran. Da der Ausgleichsstrom jetzt in die andere Richtung zieht, ist die Strömung an der Stelle wo ich die Höhle vermute bei weitem nicht so stark wie bei Ebbe. Ohne Probleme finde ich ein fast kreisförmiges Loch von einem guten Meter Durchmesser im Felsen, dessen Oberkante circa eineinhalb Meter unter der Wasseroberfläche liegt. Soll ich es wagen? Ich hole an der Oberfläche noch mal tief Luft und tauchte in die Höhle hinein. Nur wenige Meter, dann berühre ich die Felswand. Nach vorne und zur Seite ist alles zu, aber nach oben geht es weiter. Vorher muss ich aber nochmal raus und Luft holen. Kaum richte ich mich nach oben durchbreche ich in der stockdunklen Höhle die Wasseroberfläche. Luft, es gibt sogar Luft hier drinnen. Sie schmeckt irgendwie anders, muffig, aber sie ist atembar. Nach ein paar Minuten haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und das durch das Wasser dringende fluoreszierende Licht erlaubt mir eine begrenzte Orientierung. Ich drücke mich aus dem Wasser und setze mich an den Rand des Zugangs. Mit den Fingern taste ich in dem lehm- oder tonartigen feuchten Matsch um mich herum nach Steinchen, die ich werfen will, um ein Gefühl für die Ausmaße der Höhle zu bekommen. Das feuchtweiche Material ist durchsetzt von festen Teilchen. Einige fühlten sich an wie Krümel von trockenem Brot, andere wie Splitter eines spröden Gesteins von der Größe eines Daumennagels. Ich werfe demnach ein paar Steinchen und lausche auf deren Aufprall. In allen Richtungen könnten es noch drei, höchstens vier Meter weiter gehen. Es scheint sich also um eine Art Blase in dem Fels zu handeln, in deren Zentrum von unten her der Zugang liegt. Einer Eingebung folgend suche ich mir ein paar der größeren Steine und stopfe mir damit die Hosentasche voll. Ohne mich weiter aufzuhalten rudere ich zum Schiff zurück. Klar fällt denen auf, dass ich tropfnass dort ankomme, doch meine Erklärung und die stinkenden Überreste auf meinem Anzug überzeugen selbst den Kapitän. Erst als ich alleine in meiner Koje liege untersuche ich die bis zu taubeneiergroßen Brocken näher. Von der schützenden Tonschicht befreit bricht sich das Licht der Kerze vielfältig an deren glasklarer Oberfläche. Die Kanten sind messerscharf. Zur Probe versuche ich, damit einen Kratzer in den Stahl meines Messers zu ritzen: Ohne Probleme. Kein Zweifel, ich habe in der Höhle Diamanten gefunden. ...
 … ca. 130 Jahre später
...  Entdeckt?
Nachdem die drei getaucht waren hatte Hinrich jeweils ein paar Minuten Zeit um mit dem Fernglas die Kimm nach möglichen Fahrzeugen abzusuchen. Kaum war das Wasser wieder über den Tauchern zusammen geschlagen hatte er das Glas vor den Augen. Ruhig tastete er Sektor um Sektor ab, nichts, die Kimm war sauber. Jetzt ließ er den Haken hinunter um wenige Minuten später die ersten fünf Säckchen, von denen jedes etwa 20 Liter Sand fasste, an Bord zu holen. Kaum war der Haken unten erhielt er wieder das Signal: „Hoch.“ Wieder hingen fünf Beutel am Haken, genauso wie gleich darauf beim dritten Fischzug, wie er die Aktion inzwischen nannte. Eben als er eines der Säckchen zur Seite stellte, glitzerte etwas hell im Sonnenlicht. Neugierig tastete er danach und hielt ein walnussgroßes in einem klaren und doch intensiven Gelb strahlend, erstmals die Sonne begrüßendes Kohlenstoff-Nugget in seiner Hand - und murmelte: „Das ist der helle Wahnsinn, das Ding hier ist bestimmt mehr Wert als der Kutter auf dem ich jetzt stehe.“
Der Haken war wieder unten angekommen und weiter sinnierend griff Hinrich wieder zum Fernglas: „Was nützt der Wert eines Gegenstandes, wenn er nicht realisiert werden kann. Wenn uns jetzt der Kahn hier absäuft, hilft uns dieser Stein absolut nichts, im Gegenteil, er zieht uns noch schneller ins Verderben. Erst dort, wo Menschen bereit sind, diesem Stein einen Wert zuzumessen, erst dort wird er zum Schatz.“
Er hielt in seinen philosophischen Betrachtungen inne, denn ein kurzes Aufblinken am Horizont erregte seine Aufmerksamkeit. Eine Möwe, nein größer, ein Albatros - nein, der Punkt entwickelte sich zu einem Flugzeug. Es war eine kleine, vermutlich einmotorige Maschine die mit Schwimmern ausgestattet war. Sie kam nicht näher. Offenbar hatte sich das Sonnenlicht auf einer Scheibe oder einem Metallgegenstand gespiegelt. Mit bloßem Auge hätte er sie sonst vermutlich gar nicht gesehen. Sie zog eine große Schleife und flog in die Richtung ab, aus der sie gekommen zu sein schien. Im gleichen Augenblick gab er das vereinbarte Signal um die Taucher zu informieren und hochzuholen. Bevor er die Winde wieder einholte legte er den gelben Stein in die Schublade mit den aktuellen Navigationsunterlagen. Eben tauchte der Schäkel wieder auf, sie hatten einiges drangehängt: Drei volle Säckchen, den kleinen Anker der als Werkzeug sonst immer unten geblieben war, die Scooter und zwei Brechstangen. Kaum hatte er die Sachen verstaut tauchten die drei auch schon auf.
„Was ist los Hinrich, ein Schiff?“ „Nein, ein Flugzeug, eine kleine einmotorige Maschine tauchte knapp über der Kimm auf, wendete und verschwand wieder.“„Bist du sicher, dass es kein Vogel war?“„Absolut, wenn ich nicht ganz sicher gewesen wäre, hätte ich euch bestimmt noch die restlichen zehn Minuten unten gelassen.“
An Bord entschied Bernd: „Es ist nichts weltbewegendes mehr unten. Eigentlich tue ich es nicht gerne, aber in Anbetracht der Bedrohung finde ich, sollten wir den restlichen Kram lassen wo er ist und hier abhauen.“…
 

... Plötzlich schrie Bernd und die Panik brachte seine Stimme zum kreischen: „Ja sind die denn von Sinnen, die steuern direkt auf uns zu! Hinrich!“, brüllte er warnend, „Hinrich die wollen uns rammen!“Wie gebannt starrten Bernd, Werner und Jasmin auf den Bug des gegnerischen Schiffes, der immer mehr zu einem Monster anzuwachsen schien. Einzig Hinrich hatte nur einen kurzen Blick über seine Schulter geworfen. Welche Möglichkeiten blieben ihm, einem Stoß auszuweichen. Sie würden den Kutter im vorderen Drittel erwischen, so hatten die ihren Kurs angelegt. Würde er versuchen, seitlich auszubrechen, würden die ihnen vermutlich direkt ins Ruderhaus krachen, vielleicht wäre das noch die humanste Art, das Ende herbei zu führen, denn es ersparte ihnen einen langen aber sicher vergeblichen Überlebenskampf im Wasser. Aber sollte er sie auf diese Art opfern? Nein, Hinrich entschied sich zu einem überraschenden Coup. Er entschied sich zu einem Manöver, das bei diesem Orkan, bei diesem Seegang fast schon Selbstmord war, er gab den Maschinenbefehl äußerste Kraft zurück! Er versuchte, seinen Kutter zu stoppen und so den Stoß zu vermeiden. Mit jedem anderen Schiff hätte dieses Manöver keinen Sinn, denn so schnell bringt man ein normales Schiff nicht zum stehen. Nicht jedoch diese Art von Kutter. Sie waren gebaut um beim Fischfang schnelle Kursänderungen auf engstem Raum zu ermöglichen. Doch in diesem Falle lieferte er sich und sein Schiff dadurch den fast ebenso gnadenlosen Naturgewalten aus, denn ohne Fahrt im Schiff war es manövrierunfähig und damit ein Spielball der Wellen.
Das gegnerische Schiff baute sich drohend wie ein unüberwindbarer Wall über ihnen auf, wie ein Ungeheuer, bereit ihnen den Todesstoß zu versetzen. Jede Unebenheit der Bordwand, Nietenköpfe, jeden Fetzen abgeplatzter Farbe konnten sie überdeutlich wahrnehmen, ja sie brannten sich unauslöschbar in ihr Gedächtnis ein. Jetzt! Jetzt fuhr der Bug wie der Hammer eines Schmiedes unbarmherzig auf sie herab, die Gewalt der Welle zusätzlich zur Beschleunigung nutzend. Gleich musste der Zusammenstoß erfolgen. Wie kalt ist eigentlich das Wasser da draußen, wie lange kann man darin überleben und wie verhalten sich die Haie? Der Atem stockte ihnen, dabei war die Luft doch das kostbarste was die Natur ihnen schenkte. Noch hatten sie Luft in Hülle und Fülle um sich herum, würde es beim nächsten Atemzug immer noch so sein? ...